Boogie Woogie ist der Vorläufer des Rock'n'Roll. Beide Tänze haben sozusagen einen gemeinsamen "Großvater", den Swing. Dessen Wurzeln liegen in den Musikkneipen der US-amerikanischen Schwarzen-Ghettos Ende der 20er Jahre.

In einem dieser Etablissements, dem "New York Savoy Ballroom" im Herzen Harlems, wurde mit dem Swing erstmalig ein Paartanz kreiert, der nicht auf vorgeschriebenen Schrittfolgen basierte, sondern allein von der Improvisation der Tänzer und Tänzerinnen lebte. Der Tanz schien geradezu revolutionär: (fast) alles war erlaubt - Hauptsache, die Paare bewegten sich im Takt der Musik. So konnte sich beim Swingtanz die spielerische Bewegungsphantasie der Schwarzen mit typisch weißen Tanzelementen vermischen.

Nur wenige Zeit später erfuhr der Swing eine Abwandlung - den Lindy Hop. Der Name war gut gewählt, denn genau wie beim Jahrhundertflug des amerikanischen Flugpioniers Charles Lindbergh, flogen beim Lindy Hop die Damen durch die Luft, wurden von ihren Tanzpartnern über den Kopf geworfen und um die Hüften gewickelt. Nicht zuletzt durch die Darstellung der verrückten Tanzfiguren und -szenen in Filmen der Marx Brothers oder dem Kultfilm "Im Himmel ist die Hölle los" erfuhr der Lindy Hop einen enormen Bekanntheitsgrad, der in der heutigen Zeit sogar eine Renaissance erlebt.

Eine weitere - wenn auch nicht ganz so bekannte - Swing-Variation nannte sich Jitterbug. Den Namen soll der schwarze Musiker Cab Calloway erfunden haben. Er verglich die sich nach seiner Musik wild gebärdenden Tanzpaare mit "Zitterkäfern".

In Deutschland wurde die Swingmusik erstmals in den 30er Jahren bekannt. Von den Nationalsozialisten verpönt war die "exotisch-abartige" Musik und der Tanz von tanzwütigen jungen Pärchen Mitte der 30er und in den 40er Jahren eine willkommene Abwechslung zum gleichmachenden Marschrhythmus. Der Mitte der 90er Jahre produzierte Kinofilm "Swing Kids" zeigt auf eindrucksvolle Weise, wie die Machthaber die Verbindung aus Jugendprotest und purem Spaß am Tanzen als undeutsches Element zu unterdrücken versuchten.

Nach dem Untergang des "Tausendjährigen Reiches" schwappte dann die Swingmusik, vorgetragen von riesigen Bigbands, unaufhaltsam über den großen Teich. Und mit der Musik kam ein ganz neuer Tanz - der Boogie Woogie.

Diesmal handelte es sich jedoch nicht nur um eine reine Namensänderung des Swingtanzes - die Swingmusik selbst hatte eine Veränderung erfahren. Der gute alte Blues war in Amerika neu überarbeitet worden, mit einer fließenden Pianospielweise, aufgebaut auf der Bassbegleitung der linken Hand. Das spiegelte sich auch im Tanzstil wider: Obwohl der Boogie Woogie im Prinzip so getanzt wurde wie der Swing, kamen die Paare nicht ins Schaukeln. Dazu war bei der schnellen Musik gar keine Zeit. Rasend schnelle Füße, allein aus der Hüfte getanzt - genau das richtige Mittel, um im zerstörten Deutschland einer aufgestauten Amüsierwut Platz zu schaffen, alles Bedrückende abzustoßen. Der Boogie-Rhythmus, viel schneller als zuvor beim Swing, war wie ein Rausch, der oft bis zur körperlichen Erschöpfung ausgelebt, getanzt wurde.

In den 50er Jahren stellte sich allmählich wieder ein Leben in geordneten Bahnen ein. Viele Jugendliche empfanden das Bemühen ihrer Eltern, eine heile Nachkriegswelt aufzubauen, als bieder - ja verabscheuungswürdig. Da war der aus den Vereinigten Staaten kommende Rock'n'Roll mit seinen heißen Texten, der fetzig-hämmernden Musik, dem wilden Tanz und dem extravagant-modischen Outfit genau das richtige Mittel, bestehende Konventionen umzustoßen. Man hörte, tanzte und - man lebte Rock'n'Roll.

Berlin war unumschränkte Hochburg. Von 1950 bis 1958 wurden alle deutschen Meisterschaften im Boogie Woogie und Rock'n'Roll dort ausgetragen. Berliner Tänzer wie Horst Todt, Deutscher Meister 1950 und 1951 und Kalle Gaffkus, der einzige deutsche Rock'n'Roll-Weltmeister der 50er Jahre und vierfacher Deutscher Meister (1953-56), setzten Akzente.

In unserer heutigen Zeit hat sich der Rock'n'Roll zu einem reinen Turnhallen- und Turniersport entwickelt, der nur noch den Namen mit dem einstigen wilden Tanz und dem Flair der 50er Jahre gemein hat. Bei den Turnieren - einer Mischung aus Jazz Dance und Akrobatik - hört man Disco-Musik, die sich für die hüfthohen Fußkicks besonders gut eignet. Nur wenige der im poppigen Aerobic-Outfit gekleideten Paare sind über 30 - Ältere könnten bei diesen auf absolute Höchstleistungen ausgerichteten Akrobatiksport kaum mithalten.

Doch auch der Boogie Woogie-Tanz ist moderner geworden. Heute erinnert sein 8er-Grundschritt mehr an den Rock'n'Roll der 50er Jahre, als an den superschnellen Boogie der späten 40er. Statt nach typischer Piano-Musik tanzt man hier auch schon mal nach "Rock around the Clock" und anderen Rock'n'Roll-Oldies. Zu Turnieren erscheinen die Paare meist in Petticoats, Sakkos und Hosenträgern, bei einschlägigen Freizeit-Tanzveranstaltungen wird in normaler Straßenkleidung gerockt. 
Dabei fließen heute immer mehr Swingelemente in den Boogietanz ein - eine Entwicklung, die sich auch am veränderten Musikgeschmack der Tänzerinnen und Tänzer ablesen lässt. 

Es ist also nicht verwunderlich, dass der eine oder andere im Boogie Woogie den guten alten Rock'n'Roll wieder zu erkennen glaubt. Schließlich steht auch beim heutigen Boogie Woogie - neben dem Spaß am Tanzen - die Freude an der Musik der 40er und 50er Jahre im Mittelpunkt.

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